Es war abzusehen, nachdem sich der Landtagswahlkampf in den vergangenen zwei Wochen sehr auf die Frage verengt hatte, wer letztlich den Ministerpräsidenten stellen wird. In der Verlosung waren nur noch Manuel Hagel (CDU) und der grüne Routinier Cem Özdemir. Der Ausgang ist bekannt, Özdemir konnte sich knapp behaupten. Alleine das war schon eine Überraschung, wenn man die Umfragen der letzten anderthalb Jahre heranzieht. Denn im Oktober 2024 lag der damalige CDU-Shootingstar Manuel Hagel noch satte 14 Prozent vor dem ehemaligen Bundeslandwirtschaftsminister.
Von Umfragen geblendet
Auch ich wurde von den Ereignissen eingeholt. Noch vor wenigen Wochen, am 5. Dezember, lautete die Headline für mein Interview mit Hagel: „Designierter Ministerpräsident Manuel Hagel (CDU): Wir sehen größere Übereinstimmungen mit SPD und FDP“. Wie man sich doch täuschen kann. Aber im Ernst: Eine derartige Aufholjagd hat es in der Baden-Württembergischen Geschichte wohl noch nie gegeben. Für Özdemir war es eine Punktlandung. Die Grünen erzielten 30,2 Prozent und damit nur einen halben Punkt mehr als die CDU mit 29,7 Prozent.
Altes Video kostet Wahlsieg der CDU
Begünstigt wurde dies durch den peinlichen, aber keineswegs dramatischen Faux Pas des CDU-Spitzenkandidaten, des von einer grünen Bundestagsabgeordneten in Social Media geteilten Videos, als Hagel von den „rehbraunen Augen“ einer Schülerin schwärmte. Das Video stammte aus dem Jahr 2018. Doch dies und ein weiteres Video von Hagel, in dem er eine Lehrerin anblaffte, reichten, um ihm in der entscheidenden Phase des Wahlkampfs den Wind aus den Segeln zu nehmen. Auch der Umstand, dass die Christdemokraten – in der Ortenau traditionell stark – in unserem Landkreis klar dominierte und alle drei Wahlkreise deutlich vor den Grünen gewannen, konnte am Gesamtergebnis nichts ändern.

Wurde auf den letzten Metern abgefangen: Manuel Hagel (CDU). Foto: Geraldine Zimpfer
Kleinere Parteien unter Druck
Schließlich drehte sich für viele Wähler alles darum, den christlichen Ministerpräsidentenanwärter aus dem Rennen zu nehmen. Darunter litten dann alle kleineren Parteien. Zu denen muss man nun endgültig auch die Sozialdemokraten rechnen. Sie kamen lediglich noch auf 5,5 Prozent und schafften nur knapp den Wiedereinzug ins Stuttgarter Parlament. Noch härter erwischte es die FDP, die in ihrem einstigen Stammland von 10,5 Prozent 2021 auf nunmehr mickrige 4,4 Prozent abstürzte und erstmals nicht im Landtag vertreten sein wird.
Amelie Vollmer geht erneut leer aus
Auch zu leiden hat die Partei Die Linke. Noch im Februar lagen die Sozialisten mit 7 Prozent in den Umfragen deutlich über dem Strich. Dass es schließlich nur zu 4,4 Prozent reichte, und der erstmalige Einzug in den Landtag verpasst wurde, hat schon etwas tragisches. Vor allem für die Spitzenkandidatin der Linken, Amelie Vollmer aus Offenburg. Schon bei der Bundestagswahl scheiterte sie knapp am Einzug in das Reichstagsgebäude. Ihr respektables Erststimmenergebnis von 5,4 Prozent dürfte ihr nur ein schwacher Trost sein. Das Energiebündel hatte einen fulminanten Wahlkampf hingelegt, der jedoch nicht belohnt wurde.

Amelie Vollmer (Die Linke) ging erneut leer aus. Foto: Amelie Vollmer
Volker Schebesta unangefochten vorn
In ihrem Wahlkreis Offenburg setzte sich überraschend deutlich der Mandatsträger Volker Schebesta durch. Gegen seine 39 Prozent der Erststimmen konnte Neuling Maren Seifert mit 23,4 Prozent nichts ausrichten. Dennoch reichte es auch für die Gemeinderätin für ein Landtagsmandat. Richard Groß von der SPD konnte immerhin 8,9 Prozent erreichen und lag damit deutlich über dem Parteischnitt von 5,5 Prozent. Auch für ihn ein eher schwacher Trost angesichts des SPD-Desasters.
Ann-Kathrin Stulz immerhin bei 4,7 Prozent
Die erst 22-Jährige Ann-Kathrin Stulz aus Durbach trat für die freien Demokraten an. Mit 4,7 Prozent hat sie immerhin das Zweitstimmenergebnis der FDP von 3,9 Prozent in diesem Wahlkreis klar übertrumpft. Während das BSW hier gar nicht antrat, zeigte Taras Maygutiak von der AfD eine eher schwache Performance mit 18,9 Prozent der Erst- wie auch der Zweitstimmen. Denn seine beiden Mitstreiter aus den Wahlkreisen Lahr und Kehl kamen auf deutlich mehr Zustimmung.

Gehört Ann-Kathrin Stulz die Zukunft? Foto: FDP Ortenau
AfD-Mann gewinnt in Lahrer Stadtgebiet
Benjamin Rösch im Wahlkreis Lahr vereinte immerhin 22,1 Prozent auf sich. Doch in der Stadt Lahr ging er sogar als Erster über die Ziellinie. Dort erreichte er starke 30,9 Prozent und lag damit vor Marion Gentges, die auf 29 Prozent kam. Im Wahlkreis insgesamt kam sie aber auf überragende 38,8 Prozent. Während Udo Zahn (FDP) und Jana Kühl (Linke) unter fünf Prozent blieben, konnte Sandra Boser von den Grünen ihr Mandat mit 22,3 Prozent verteidigen. Der SPD-Kandidat Kai Schröder-Klings schaffte 7,8 Prozent und blieb ebenfalls ohne Wirkung.

AfD-Mann Benjamin Rösch siegt im Stadtgebiet von Lahr. Foto: AfD Ortenau
Kathrin Merkel löst Willi Stächele ab
Im Wahlkreis Kehl liegt die erstmals angetretene Dr. Katrin Merkel (CDU) mit 34,1 Prozent ebenfalls über dem Landesschnitt und zieht in den Landtag ein. Der grüne Mandatsträger Bernd Mettenleiter musste ebenfalls Federn lassen. Lediglich noch 22,1 Prozent konnte er auf sich vereinigen, nach dem er 2021 noch sensationell den CDU-Platzhirsch Willi Stächele schlug. Sein Mandat darf Mettenleiter jedoch behalten. Der AfD-Herausforderer Thomas Kinzinger schaffte – ebenfalls aus dem Stand – 21,1 Prozent. Aufgrund des fehlenden Listenplatzes schaffte es keiner der drei Ortenauer AfD-Kandidaten in den Landtag.

Dr. Katrin Merkel (CDU) löst Willi Stächele im Wahlkreis Kehl ab. Foto: Geraldine Zimpfer
BSW bei erstem Anlauf ohne Chance
Enttäuschend verlief der Wahlabend auch für den SPD-Vertreter Raphael Kupferer aus Oberkirch mit 6,8 Prozent, die FDP-Kandidatin Sanja Tömmes mit 6,3 Prozent Erststimmen sowie für die Linke mit Amelie Quotadamo mit mageren 3,1 Prozent. Eine mittlere Katastrophe war der Wahlausgang für das ambitionierte Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft (BSW) von Sahra Wagenknecht. Es spielte auch in der Medienberichterstattung im Wahlkampf kaum eine Rolle.

Die BSW-Kandidaten am Südlichen Oberrhein blieben ohne Chance. Foto: Wolfgang Huber
Lediglich das Ortenau Journal sprach sowohl mit dem Spitzenkandidaten Joachim Tabler als auch mit dem Kehler Wahlkreiskandidaten Dr. Bernhard Falk. Letztere konnte nur 1,6 Prozent. Auffallend: Im Stadtgebiet von Kehl landete überraschend die AfD mit 25 Prozent der Zweitstimmen auf Augenhöhe mit der CDU (25,1 Prozent) und vor den Grünen (24,3 Prozent).
Dr. Jörg Meuthen bleibt unter seinen Möglichkeiten
Ebenfalls unter „Ferner liefen“ blieben Christian Hübner (Volt) mit 0,9 Prozent sowie der ebenfalls ambitionierte Dr. Jörg Meuthen (Werteunion) mit 0,8 Prozent. Zumindest dem ehemaligen AfD-Bundesvorsitzenden hätte man angesichts seiner Prominenz mehr zugetraut. Adolf Huber von der Freien Wählern (FW) schaffte immerhin 4,4 Prozent.

Dr. Jörg Meuthen dürfte vom Wahlergebnis enttäuscht sein. Foto: Europaparlament.
CDU dominiert wieder die Ortenau
Insgesamt muss man resümieren, dass die CDU in der Ortenau ihre Spitzenposition vergangener Jahre souverän zurückholte, die Grünen Verluste einfuhren und die SPD, FDP, Linke und erst Recht das BSW keine Rolle spielten. Zwar führten alle einen engagierten Wahlkampf, doch der Trend war nicht ihr „friend“. Dem Sog, den der Zweikampf zwischen Cem Özdemir und Manuel Hagel austrug, waren die Konkurrent:innen nicht gewachsen.
Junge Politikergeneration mit neuer Chance 2031?
Doch es bleibt festzuhalten, dass junge Politiker:innen wie Amelie Vollmer, Ann-Kathrin Stulz oder der ebenfalls engagierte Raphael Kupferer sicher nochmal die Gelegenheit bekommen dürften, erneut anzutreten. Es wären Stimmen für bezahlbaren Wohnraum, bessere Bedingungen in der Pflege oder Bürokratieabbau. Allesamt wichtige Themen, die von Grünen oder CDU nur unzureichend vertreten werden. Und wer weiß, wie in fünf Jahren die Rahmenbedingungen aussehen.
Siehe auch hier:
Linke-Spitzenkandidatin Amelie Vollmer: „Das ist Klassenkampf, und zwar Klassenkampf von oben.“
BSW-Spitzenkandidat Joachim Tabler: „Wir müssen die Migration nach Baden-Württemberg begrenzen“